Anja Czioska

Uncategorized 13/08/2017

Zu Besuch bei Anja Czioska. Wir beginnen mit dem Interview, Anja lackiert sich die Fußnägel.

Time ist money – man macht immer alles gleichzeitig!

Anja Czioska ist eines der besten Beispiele für die Vielfältigkeit Frankfurts kulturschaffender Frauen. Städelschülerin in der Klasse Peter Kubelka (Film und Kochen) und Meisterschülerin von Kasper König, hat die Filmemacherin seitdem auch tausend andere Sachen gemacht. Durchaus auch gleichzeitig.

Wir fangen von hinten an: In diesem Sommer arbeitet Anja Czioska für das Kulturamt der Stadt Frankfurt als Projektleiterin für den Frankfurter Kunstsommer. Sie sammelt Infos, koordiniert das Programm, ist Ansprechpartnerin für Künstler. Drei Monate, von Juni bis August, bündelt der Frankfurter Kunstsommer das kreative Potential der jungen und innovativen Kunstszene in Initiativen, freien Ausstellungsorten und Offspaces. Die App funktioniert wie ein Netzwerk, die Nutzer können selbst ihre Schwerpunkte wählen. Ein durch und durch demokratisches Format. Das passt zu Anja. Man hat sie mit dieser Aufgabe betraut, weil sie in der Szene gut vernetzt ist und es schafft, alle Menschen an Bord zu holen. Und auch mit den Sensibilitäten der Kunstszene umgehen kann. Schließlich ist sie selber Künstlerin. Kunst verbindet. Aber auch dieses Projekt geht zu Ende – und was kommt dann? ‚Dann mach’ ich wieder was anderes!’ Anja lacht.

Zwei Jahre war Anja Czioska bei der Stadt Rüsselsheim als Kulturmanagerin beschäftigt. Ihre Zeit in Rüsselsheim bezeichnet sie gerne als Crashkurs in Sachen Verwaltung. Dort musste sie sich auch mit Dingen beschäftigen, die sonst nicht zu den zentralen Aufgaben von Künstlerinnen oder Kulturmanagerinnen gehören. Zuvor hatte die Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft sie damit betraut, als künstlerische Leiterin eine Zwischennutzung für alte Ölhalle im Hafen Offenbach zu entwickeln. Anja Czioska realisiert die temporäre Kunsthalle Artspace Rhein-Main und verdient zum ersten Mal Geld mit ihrer selbsterklärten Lieblingsaufgabe – für einen Leerstand eine kulturelle Zwischennutzung zu realisieren. ‚Ich habe mich immer schon für Leerstände interessiert. Das ist meine Passion. Die leer stehenden Räume sprechen mit mir und geben mir Ideen, was ich daraus noch machen könnte.’ An temporären Projekten gefällt Anja Czioska vor allem der experimentelle Aspekt, die Dynamik. ‚Man muss ganz schnell ganz viel ausprobieren, solange das Gebäude noch steht. Ich verstehe das auch als künstlerische Arbeit. Ich entwickle Visionen, baue neue Welten, wie im Film.’

Gutes Stichwort, was macht eigentlich die künstlerische Arbeit? Der Film? Seit kurzem ist die Website zu The rise of the underground online. Ihr erster Langfilm, 90 Min., 16 mm, gedreht 2009 bis 2012. Anja Czioskas Frankfurter Kunsttagebuch ist schon fast historisch zu nennen. Der Film zeigt Orte und Menschen, die längst verschwunden sind und gibt einen tiefen Einblick in die Frankfurter Kunst- und Kulturszene. Zwischen der Hochkultur und der Offszene macht Anja Czioska dabei keinen Unterschied – was zählt, sind die Inhalte und die Qualität. Frankfurt ist klein und alles ist sehr dicht beieinander. Die Szene in Frankfurt ist überschaubar. Man kennt sich. Anja Czioska interessiert sich vor allem für die Lebensgeschichten, macht gerne Porträts, und hat sich auch immer selbst gefilmt.

Ich interessiere mich für Menschen. Fragen danach, wie die Künstler arbeiten, interessieren mich mehr als das fertige Kunstwerk, das an der Wand hängt.

Anja Czioska ist auch Mitbegründerin des Clubs Lola Montez und des Kunstvereins Familie Montez. Ein schönes Beispiel für Projekte, die sich verändern können: Neue Räumlichkeiten, neue Möglichkeiten. Alle ihre Projekte bisher waren temporär. Ist es wichtig, dass sie einen Anfang und ein Ende haben? ‚Meine Projekte sind wie meine Filme – sie fangen an und hören auf. Aber sie könnten auch noch stundenlang weitergehen.’ Anja Czioska empfindet es als großen Vorteil, dass man mit einem offenen Ende arbeiten kann.

Es ist nicht wichtig, ob etwas aufhört oder nicht aufhört. Wichtig ist, was man daraus macht.

Vor Lola Montez – was gab’s da? Einen ersten Offspace, die Galerie Krieg 1989, dann ein besetztes Haus in Rotterdam, einen Job als Türsteherin für die Clubs von Hans Romanov und die Mädchenband 3 Pussy Kisses. Anja Czioska hat mehr als zwanzig Kurzfilme realisiert, unzählige Ausstellungen und Frauenfilmfeste organisiert, und 1999 mit dem Kurzfilm One Pussy Show, einem Performancefilm, den hessischen Filmpreis gewonnen.

Was bedeutet für Dich Erfolg? ‚ Erfolg ist für mich, wenn über meinem Kopf noch viel Platz ist nach oben. Wenn ich das Gefühl habe, noch nicht das Ende der Decke erreicht zu haben. Dann geht es immer weiter. Ich bin jemand, der immer nach vorne schaut und positiv denkt.’

In den schlimmsten Zeiten ist mein Optimismus immer am größten. Dann entstehen Träume für das nächste Projekt.

Das klingt nach Bewegung. Wie viele ihrer Filme und ihrer Projekte hat auch ihr ganzes Leben einen performativen Charakter. Wichtig ist, dass man immer noch mal umsatteln kann. Und mit der Freigabe des Interviewtexts kommt prompt der Nachschlag: Anja Czioska ist jetzt Projektleiterin des Kompetenzzentrums Kreativwirtschaft *Creativ Hub Frankfurt der Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH. Sie ist verantwortlich für die kulturelle Leerstandsentwicklung, leitet die Creativ Hub Academy und koordiniert für die Wirtschaftsförderung Kunst- und Kulturprojekte.

http://artdiary-frankfurt.de/

Foto (c) Sandra Mann